Erkrankungen des Harntraktes

Kalzinosen

Der Begriff Kalzinose bezeichnet eine Mineralisierung der Harnwege, die sich inform von Schlamm, Grieß sowie - im Extremfall - inform von Steinen äußern und zu leichten bis lebensbedrohlichen Beschwerden führen kann. Im alkalischen Harnmileu des Kaninchens entwickeln sich in erster Linie Struvit-, Kalziumoxalat-, Kalziumkarbonat- und Magnesiumkarbonatkristalle.

Begünstigt wird die Organverkalkung beim Kaninchen insbesondere durch seinen besonderen Kalziumstoffwechsel: Im Gegensatz zu den meisten Tierarten sind Kaninchen nicht dazu in der Lage, die Kalziumresorption aus dem Darm bei übermäßiger Zufuhr zu verringern und eine Ausscheidung über die Galle vorzunehmen. Infolgedessen wird sämtlicher Kalziumüberschuss nach der Resorption über die Niere ausgeschieden (renale Elimination).

Ursachen

Kalzinosen werden in aller Regel durch eine im Verhältnis zur Kalziumzufuhr zu flüssigkeitsarme Ernährung verursacht. Das mit der Nahrung aufgenommene Kalzium wird in diesem Fall nicht durch ausreichend Wasser ausgeschwemmt und bildet zunächst den sogenannten “Blasenschlamm”, welcher bereits zu Beschwerden führen kann; im Laufe der Zeit bildet sich daraus Grieß, der seinerseits Symptome hervorrufen oder sich zu Steinen zusammenlagern kann, die operativ entfernt werden müssen.

Eine vergleichsweise hohe Kalzium- und geringe Wasserkonzentration findet sich u.a. im Heu. Dies ist der Hauptgrund dafür, weshalb Heu kein geeignetes Grundfutter für Kaninchen darstellt.

Heu sollte lediglich eine stets verfügbare "Notnahrung" darstellen, auf welche die Kaninchen zurückgreifen können, falls sie einmal kein Grünfutter mehr zur Verfügung haben sollten (z.B. falls es aufgefressen oder verwelkt sein sollte).

Reichlich Frischfutter rund um die Uhr stellt die optimale Gesundheitsprophylaxe dar - insbesondere, was Harnwegserkrankungen betrifft.

Kaninchen, die stets die Wahl zwischen Heu und Grünfutter haben, bevorzugen das Grünfutter instinktiv.

Die Futtermittel, welche Kalzinosen besonders begünstigen, sind unter den Bezeichnungen “Allein-” oder “Ergänzungsfuttermittel” in jedem Zooladen erhältlich. Selbst, wenn man sich bei besagten Futtermitteln streng nach der "Fütterungsempfehlung" auf der Verpackung richten würde, läge die Kalziumzufuhr meist noch deutlich über der Bedarfsgrenze. Eine Konzentration von 0,6% sollte grundsätzlich nicht überschritten werden. In Kombination mit der durch Trockenfutterkonsum viel zu geringen Wasseraufnahme sind Harnwegsprobleme vorprogrammiert. Oft haben sie erst nach Jahren ein Ausmaß erreicht, das zu klinischen Symptomen führt, sodass der Halter keinen Zusammenhang zwischen Fütterung und Erkrankung sieht; oder aber die Tiere sterben infolge der konsequenten Fehlernährung an Verdauungserkrankungen, Kieferabszessen oder Leberlipidosen bereits im jungen bis mittleren Alter, noch bevor der Harngrieß ein kritisches Stadium erreicht hat.

Eine weitere große Gefahrenquelle stellen die zunehmend in Mode geratenden "artgerechten Leckerbissen" inform von getrockneten Gemüsesorten und Kräutern dar.

Der moderne Kaninchenbesitzer ist häufig dazu geneigt, "getreidefrei" mit "gesund" gleichzusetzen. Die Realität sieht allerdings gänzlich anders aus: Während Trockenobst aufgrund seines hohen Zuckergehaltes äußerst kritisch zu betrachten ist, handelt es sich beim Trockengemüse und Trockenkräutern um regelrechte "Kalziumbomben", die - wie jedes Trockenfutter - zugleich mit geringer Flüssigkeitsaufnahme einhergehen.

Ebenso gefährlich sind Minerallecksteine aus dem Zoofachhandel, die bei übermäßigem Verzehr sogar zu Vergiftungen führen können - zumal sie bei ausgewogener Ernährung völlig überflüssig sind.

Vermeintlich kalziumreiche Gemüsesorten und Wiesenkräuter sind grundsätzlich unproblematisch. Das Kaninchen nimmt mit ihrem Verzehr zugleich so viel Flüssigkeit auf, dass das enthaltene Kalzium direkt wieder ausgespült wird.

"Kalziumreiche" Grünfuttersorten vom Speiseplan zu streichen, ist daher nicht zu empfehlen. Dies würde lediglich zu einer einseitigen Ernährung und im Extremfall sogar zu einem gefährlichen Kalziummangel führen.

Vorsichtig sollte generell auch mit Nahrungsmitteln verfahren werden, die viel Oxalsäure enthalten. Die Kombination kalzium- mit oxalsäurereicher Frischfuttersorten hat eine Verbindung beider Stoffe zur Folge, welche sich besonders leicht im Harntrakt anlagert.

Ferner kann ein Vitamin-B6-Mangel die Kristallbildung begünstigen. Hier kommt es zu einer vermehrten körpereigenen Oxalsäurebildung mit den gleichen Konsequenzen wie eine gleichzeitige Fütterung kalzium- und oxalsäurereicher Nahrungsmittel. Gefährdet sind demzufolge Kaninchen, die nicht ausreichend Blinddarmkot zu sich nehmen (z.B. infolge von Fettleibigkeit oder aufgrund von Schmerzen beim Krümmen der Wirbelsäule).

Bei Kaninchen, die gesund ernährt werden und dennoch an Kalzinosen leiden, liegt mitunter eine genetisch bedingte Prädisposition vor. In diesem Fall hilft ein harnansäuerndes Präparat vom Tierarzt, den Schlamm oder Grieß aufzulösen.

Symptomatik

Veränderungen in Urinfarbe und -konsistenz:

Blasensteine führen gelegentlich zu einer lebensgefährlichen Verlegung der Harnröhre. Das Kaninchen kann in diesem Fall keinen Urin mehr absetzen, der Urin staut sich bis in die Nieren zurück. Bei Verdacht auf eine Harnröhrenverlegung muss daher sofort der Tierarzt aufgesucht und eine Not-OP durchgeführt werden!

Blasenschlamm oder -grieß bedürfen in aller Regel keiner OP. Oftmals hilft allein die Umstellung auf artgerechte Ernährung; Kaninchen, die bereits artgerecht ernährt werden und aufgrund einer genetischen Prädisposition erkranken, können medikamentös behandelt werden. Beim Tierart erhalten Sie spezielle Pasten, welche den Harn ansäuern und dadurch dazu führen, dass die Kristalle sich auflösen.

Diagnostik

Palpation: Eine erste Verdachtsdiagnose ist bereits durch Palpation (=Abtasten) möglich: Schlamm und Gries lassen die Blase teigig wirken; Harnabsatzprobleme äußern sich in einer übergroßen, prallen Blase; Steine sind mitunter direkt als harte Fremdkörper ertastbar.

Sonographie: Sehr gut bestimmen lässt sich die Position und Beschaffenheit der Konkremente durch einen Ultraschall, da hier ein sichtbares "Aufwirbeln" des Schlamms bzw. Grießes möglich ist.

Röntgen: Auf Röntgenbildern sind Kalziumanlagerungen als schneeweiße "Wolken" deutlich erkennbar. Um die Lokalisation zu bestimmen, sind zwei Aufnahmen aus unterschiedlichen Ebenen notwendig.

Da im Falle einer Blasenkalzinose häufig auch der übrige Harntrakt betroffen ist, sollte dieser beim Röntgen oder Ultraschall unbedingt mit kontrolliert werden.

Urinuntersuchung: Eine Urinprobe, die während der Ultraschalluntersuchung direkt aus der Blase entnommen werden kann (Zystozentese), dient dem Nachweis von Blut, Eiweiß und Bakterien sowie der genaueren Betrachtung enthaltener Kristalle.

Hämaturie (=Blutiger Urinabsatz) deutet stets auf eine Gewebeschädigung im Harn- oder Geschlechtstrakt hin, deren Ursache neben der mechanischen Reizung durch Kristalle auch in einer bakteriellen Infektion oder in einem Tumorenwachstum liegen kann.

Ein per Harnstick erbrachter positiver Eiweißnachweis ist mikroskopisch inform von Platten-, Rund-, Übergangs- oder Nierenepithelien zu erkennen, was Aufschluss über die Lokalisation und das Ausmaß der Gewebeschädigung gibt. Per Teststreifen lässt sich auch Nitrit nachweisen, das durch bakteriellen Stoffwechsel entsteht und somit nach einer Antibiotikatherapie verlangt. Die Bakterien selbst sind im Harnsediment nachweisbar.

Blutuntersuchung: Da Verschiebungen im Blutbild wie z.B. Anämien, aber auch erhöhte Harnstoff-, Kreatinin- und Glukosewerte eine häufige Folgeerscheinung von Harnwegserkrankungen darstellen, ist eine diesbezügliche Überprüfung empfehlenswert.

Die Einleitung eines großen Blutbildes sowie einer Urinkultur empfiehlt sich besonders bei Kaninchen, deren Allgemeinbefinden bereits in Mitleidenschaft gezogen ist. In diesem Fall gilt es abzuklären, ob die eigentliche Ursache nicht eher woanders liegt.

Therapie: Blasenschlamm und -grieß

Futterumstellung: Sofern die Möglichkeit besteht, dass die Kalzinose fütterungsbedingt entstanden ist, genügt oftmals eine entsprechende Umstellung, um Abhilfe zu schaffen.

Hierzu gehört vor allem, dass den Kaninchen rund um die Uhr Frischfutter zur Verfügung steht, damit sie ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen. Kaninchen, die eher trocken ernährt werden und ihren Flüssigkeitsbedarf vorrangig über den Wassernapf decken, nehmen nur einen Bruchteil der Flüssigkeit auf, die zur Gesunderhaltung notwendig wäre.

Die zweite wichtige Maßnahme besteht darin, Kalziumkonzentrate vom Futterplan zu streichen. Hierzu gehören z.B. Fertigmischfutter, Pellets, handelsübliche Kalklecksteine, Trockenkräuter und Trockengemüse.

Ersatzweise können z.B. getrocknete Blätter und Blüten gereicht werden - oder man verzichtet komplett darauf und füttert stattdessen frische Kräuter sowie ganzjährig Zweige.

Das Streichen vermeintlich kalziumreicher Frischfuttersorten ist NICHT empfehlenswert. Frischfutter enthält so viel Flüssigkeit, dass das enthaltene Kalzium problemlos wieder ausgespült wird. Man würde also lediglich die Ernährung unnötig einseitig gestalten oder im schlimmsten Fall sogar einen Kalziummangel hervorrufen.

Harnansäuernde Präparate: Sollte ein Kaninchen trotz gesunder Ernährung (s.o.) Kalzinosen bekommen oder sie nicht loswerden, helfen spezielle Präparate vom Tierarzt, die den Harn ansäuern und dadurch zu einer Auflösung und natürlichen Ausscheidung der Kristalle führen.

Infusionen: In schweren Fällen können sie begleitend zur Futterumstellung und / oder zur Therapie mit einem harnansäuernden Präparat (s.o.) hilfreich sein, um die Flüssigkeitsaufnahme zu steigern und die Harnwege effektiver "durchzuspülen". Nach tierärztlicher Anleitung können Sie eine subkutane, d.h. unter die Haut verabreichte, Infusion auch selbstständig zu Hause durchführen.

Erhöhung der Wasserattraktivität: Als begleitende Therapiemaßnahme können Sie versuchen, das Kaninchen zu vermehrtem Trinken zu animieren - z.B. inform von verdünntem Tee, Karotten- oder Ananassaft. Zusätzlich ist aber immer geschmacksneutrales Wasser anzubieten, damit die Tiere nach Belieben entscheiden kann.

Blase ausdrücken: Diese Maßnahme ist für den Patienten nicht angenehm und mit Stress verbunden. Daher sollte sie nur in schwereren Fällen erfolgen, z.B. wenn bereits deutliche Harnabsatzprobleme sichtbar sind und aher ein schneller Handlungsbedarf besteht.

Nach einer reichlichen Infusion wird das Kaninchen von der Blase in Richtung Blume sanft massiert, um den Schlamm oder Grieß gen Harnröhre zu bewegen.

Wichtig ist dabei die Körperhaltung: Am Blasenboden befindlicher Schlamm oder Gries befindet sich in normaler Liege- oder Sitzposition unterhalb des Übergangs zur Harnröhre und wird daher nicht mit dem Urin ausgeschieden. Daher ist eine Schräghaltung notwendig, bei der sich der Vorderleib des Kaninchens in leichter Erhöhung gegenüber dem Hinterteil befindet. Nach erfolgtem Urinabsatz muss der Harn auf enthaltene Kristalle untersucht werden. Eine anschließende Ultraschalluntersuchung schafft Klarheit über eventuelle Rückstände.

Das Ausdrücken der Blase ist gerade bei Vorhandensein gröberer Kristalle gefährlich, da es zu einer Verstopfung der Harnröhre führen kann.

Diese Methode sollte daher nur durchgeführt werden, wenn per Ultraschall sichergestellt wurde, dass es sich um sehr feinen Grieß handelt.

Blasenspülung: Lässt sich der Grieß durch die oben beschriebene Maßnahme nicht ausdrücken, ist eine Blasenspülung notwendig, d.h. es erfolgt eine leichte Sedation des Kaninchens, um einen Katheter durch seine Harnröhre einführen zu können.

Im Anschluss wird die Blase mittels einer Einwegspritze durch den Katheter mit erwärmter Kochsalzlösung gefüllt. Anschließend wird der Blaseninhalt - d.h. Kochsalzlösung und Urin inklusive Grießbeisatz - wieder abgesaugt. Diese Prozedur muss wiederholt werden, bis keinerlei Kristalle mehr abgezogen werden.

Schmerzmittel sind notwendig, wenn das Kaninchen bereits deutliche Harnabsatzbeschwerden oder Schmerzsymptome aufgewiesen hat. Anderenfalls kann der Fall eintreten, dass das Tier den Harn bewusst zurückhält. Dies wiederum würde sich negativ auf den Heilungsprozess auswirken.

Antibiotikum: Blasenkalzinosen ziehen durch mechanische Reizung der Blasenwände häufig Entzündungen nach sich. Andersherum begünstigt eine Blasenentzündung die Entstehung einer Kalzinose, da das Harnmilieu sich durch Entzündungsprozesse verändert. Beim Vorhandensein einer Entzündung muss das Kaninchen daher auch mit einem Antibiotikum behandelt werden.

Probiotikum: Die Darmflora des Kaninchens reagiert sehr empfindlich auf Antibiotika. Daher muss begleitend immer auch ein Probiotikum gegeben werden, welches gutartige Darmbakterien enthält und dadurch einem Entgleisen der Darmflora vorbeugt.

Therapie: Harnsteine

Urolithen (=Blasensteine) lösen sich in den seltensten Fällen von selbst auf und benötigen daher einer chirurgischen Entfernung. Anderenfalls führen sie auf Dauer zu schweren Entzündungen, starken Schmerzen und massiven Harnabsatzproblemen, welche lebensbedrohliche Folgen (irreparable Nierenschäden, Harnvergiftung, Blasenwandeinrisse, ...) haben können.

Begleitend zur Operation sind ein Antibiotikum, ein Probiotikum sowie ein Analgetikum (=Schmerzmittel) zu verabreichen.

Es empfiehlt sich, den entfernten Stein in ein Speziallabor einschicken und auf seine Zusammensetzung untersuchen zu lassen, um die exakte Ursache seiner Entstehung herauszufinden und die Fütterung entsprechend anpassen zu können.

Prophylaxe

Routineuntersuchungen: Da Konkremente oft erst im weit fortgeschrittenen Stadium zu klinischen Symptomen führen, sind halbjährliche Vorsorgeuntersuchungen per Ultraschall empfehlenswert.

Dabei bietet es sich an, auch die Nieren sorgfältig zu kontrollieren, da Kaninchen häufig an Niereninsuffizienzen leiden, die meist erst sehr spät erkannt werden oder sogar ohne vorherige Symptome zu plötzlichen Todesfällen führen.

Im Gegensatz zur Röntgendiagnostik ist die Sonographie völlig unschädlich und ermöglicht dem Tierarzt die Betrachtung eines "bewegten Bildes", was sehr hilfreich ist, da potentieller Harngrieß durch "Aufwirbeln" leicht diagnostiziert werden kann.

Futteranpassung: Wie oben bereits erwähnt, sind ein gutes Frischfutterangebot rund um die Uhr sowie der Verzicht auf "Kalziumbomben" wie Trockenfertigfutter, handelsübliche Leckerlis sowie Minerallecksteine das A und O, um Harnwegsproblemen vorzubeugen. Auch Futtermittel wie Trockenkräuter und Trockengemüse, die häufig als "gesundes Trockenfutter" betitelt werden, sind in Wahrheit vor allem Kalziumkonzentrate. Trockenkräuter können in kleinen Mengen (maximal eine lockere Handvoll täglich für zwei Kaninchen) während der Wintermonate noch eine sinnvolle Futterergänzung darstellen; Trockengemüse hingegen ist für eine gesunde Ernährung völlig überflüssig und sollte in jedem Fall durch frisches Gemüse ersetzt werden. Allenfalls als gelegentliches Leckerli erfüllt es einen gewissen Sinn.